Vom Wesen der Hexen

So verschieden wie die Ansichten der Menschen und anderen Völker über die Hexen sind, so verschieden sind auch ihre Charakterzüge, und auch äußerlich unterscheiden sie sich sehr. Von der alten Frau mit dem Raben auf der Schulter und der Hakennase mit der Warze darauf, bis zur wunderschönen, ewig jungen Verführerin ist alles dabei. Während die in den ländlichen Gebieten lebenden Hexen die praktische ländliche Kleidung der Bäuerinnen bevorzugen, sind viele ihrer Schwestern in den südlichen Städten wählerischer.

Sie passen sich der aktuellen Mode an, bedienen sich teurer Duftwässerchen und tragen edlen Schmuck. Man kann also in keiner Weise von einem einheitlichen Erscheinungsbild sprechen. Die typische Hexe die jeder sofort an ihrem Äußeren erkennt, gibt es nicht. Das wäre für die Töchter auch viel zu gefährlich, da sie durch den weit verbreiteten Aberglauben und die Angst vieler Menschen nach wie vor unter der Verfolgung durch Fanatiker leiden. Die meisten von ihnen gehören nach wie vor zum Rand der Gesellschaft, und handeln oft im Verborgenen.

Als völlig grundlos kann man die Angst vor Hexen allerdings auch nicht abtun, sind sie doch dafür bekannt, die einfache Unterscheidung zwischen Gut und Böse nicht zu akzeptieren. Aus Sicht der Hexen sollte sich die Welt im Gleichgewicht befinden. Das ist das einzig wichtige. Nichts ist von vornherein Gut, oder Böse, sondern Teil dieser Welt und Ausdruck eines Gefühls. Vielleicht stellt sich erst später heraus, ob ein Ereignis positive oder negative Folgen hat. Vielleicht findet es aber auch irgendwo in der Welt einen entsprechenden Gegenpart um wieder ausgeglichen zu werden. Gerade die Tatsache, dass Hexen sehr stark von ihren Gefühlen abhängig sind, und eben immer das tun, wonach sie sich gerade fühlen und was ihnen wichtig erscheint, macht sie so unberechenbar. Sie können in einem Moment hilfsbereit sein um im nächsten Augenblick das Haus eines Aufrührers zu zerstören.

Die Töchter Satuarias gelten daher auch als besonders rachsüchtig und jähzornig, was auf viele von ihnen auch sicherlich zutrifft. Auch die Eitelkeit und die Eifersucht sind unter ihnen weit verbreitet, ebenso wie eine gewisse Arroganz und Überheblichkeit. Dennoch heißt es in den Geschichten zu recht, dass die Liebe einer Hexe berauschend und verzehrend zugleich, ihr Hass jedoch furchteinflößend sei. Diese besondere Einstellung gegenüber den Menschen und ihren Gefühlen als Mittelpunkt des Daseins, ergibt sich nicht zuletzt aus ihrem ganz individuellen Glauben. Die Erde auf der die Völker leben ist für die Hexen der tote Leib der Erdriesin Sumu, die einst Satuarias Ei gebar. Sie selbst sehen sich dabei als Kinder Satuarias, deren Erbe sie leidenschaftlich zu erhalten versuchen. Die Macht und Existenz der zwölf Götter verleugnen sie dabei nicht, betrachten sie jedoch eher als mächtige Wesen denn als Götter im eigentlichen Sinne.