Vom Glauben der Hexen

Die Töchter Satuarias folgen ihrer eigenen Religion. Nach der Legende entschlüpfte Satuaria dem Ei, das die Erdriesin Sumu in ihrem Leibe schuf, bevor sie nach dem Kampf mit Los starb. Los gilt den Hexen noch heute als Inbegriff des verstandesgesteuerten Geistes und als Mörder der Allmutter, der seinen Kindern (den Zwölfgöttern) den toten Leib Sumus zum Geschenk machte, obwohl dieser, wenn überhaupt, der Sumutochter Satuaria zustehe. Hexen, die in ihren Ansichten sehr extrem sind, stehen den Zwölfgöttern und ihren Dienern als den Mördern und Eroberern Sumus ablehnend gegenüber. Die meisten Hexen interpretieren allerdings die Göttinnen Peraine, Tsa oder Rahja als Aspekte von Satuarias Wesen, deren Diener mit Los’ Hilfe auf Kräfte von Sumus totem Leib zugreifen können. Auch dies ist natürlich ein Grund für die Praios-Kirche, Hexen als Ketzer zu verurteilen und sie ständig zu verdächtigen, an der "zwölfgöttlichen Grundfeste der Welt zu hämmern" - ein wahrhaft schweres Verbrechen in ihren Augen.

Hexen wissen jedoch meist ausreichend über den Zwölfgötterglauben, um Lippenbekenntnisse leisten zu können - das Bekenntnis, an Satuaria zu glauben, erweckt auch heute noch Misstrauen, wenn nicht gar Feindseligkeit unter den zwölfgöttergläubigen Menschen. Auch akzeptieren viele gemäßigtere Hexen die zwölf Götter als machtvolle Wesenheiten, die auch einen gewissen Einfluss auf die aventurische Welt haben. Trotz alledem kann nach ihrem Glauben der von Los stammende Zwölfgötterglaube mit seinen fremden, der eigeborenen Göttin feindlichen Aspekten die wahre Größe Satuarias nicht erfassen.

Ihnen ist am wichtigsten, das leidenschaftliche Erbe ihrer Mutter in ihrem Wesen und ihrer Magie zu erhalten, so dass sie sich von zwölfgöttergläubigen Menschen auch durch ihre eigene Moral ausgesprochen unterscheiden. Denn wo jene den Gesetzen der Zwölfe in ihrer Gesamtheit und denen von einzelnen Göttern im Besonderen folgen, berufen sich Hexen auf eine höhere Gewalt: die der Gefühle. Geweihte werden von vielen Töchtern Satuarias eher gemieden - und ansonsten auf Grund ihrer sozialen Macht vorsichtshalber mit Respekt behandelt.

Ob dieser fehlenden Dualität - hier die guten Götter, dort die bösen Dämonen - sind Hexen durchaus auch bereit und in der Lage, dämonische Formeln und Kreaturen als 'Rache der Mutter’ einzusetzen, die ihren überschlagenden Gefühlen angemessenen Ausdruck geben. Dass diese Kräfte dem Wesen Sumus zuwiderlaufen, ist ihnen jedoch klar, weshalb unter den Töchtern Satuarias ein Dämonenpakt als ähnlich verwerflich gilt wie unter Zwölfgöttergläubigen.

Obwohl Hexen und die Sumu verehrenden Druiden von Außenstehenden oft in einen Topf geworfen werden, gibt es doch grundlegende Differenzen zwischen diesen beiden Gruppen. Vor allem liegt dies an der sehr selbstbezogenen und das Individuum mit seinen Gefühlen in den Mittelpunkt rückenden Weltanschauung der Hexen, während die Druiden sich und anderen sämtliche Entbehrungen abverlangen, um die Gesamtheit, das Gleichgewicht Sumus, zu stärken.

Wenn man überhaupt innerhalb der Gemeinschaft der Hexen eine Persönlichkeit als religiöses Vorbild nennen will, so wird man auf die alte, bucklige Heidruna aus dem Kosch (siehe auch: Berühmtheiten) verweisen, die mit der Kröte Quarz das klassische Bild der Hexe verkörpert.

Aber selbst diese bekannten Vertreter, wie z.B. die Rabenhexe Raxan Schattenschwinge, die Katzenhexe Mara ay Samra, die thorwalsche Hexe Tula von Skerdu und der Hexer Bringimox mit seinem Uhu Nomo haben bereits extrem unterschiedliche Weltsichten. Einig sind sie sich allein darin – und dies schließt diejenige unter ihnen ein, die weniger Skrupel bei der Beschwörung dienstbarer Dämonen zeigen -, dass ein dämonischer Pakt einem Verrat an Satuaria gleichkommt. Jene Paktiererinnen wie Yolana vom Rotwasser oder gar Dimiona von Elburum und Glorana die Schöne sind in keiner Schwesternschaft mehr gelitten, auch wenn sie häufig gleichgesinnte Frauen in eigenen Zirkeln um sich geschart haben. Doch ist die Anzahl dämonenpaktierender Hexen ungleich geringer als die der Hexen, die sich neben Satuaria einer der Göttinen der Zwölfe nahe fühlen: Auch wenn Satuaria als ihre Mutter, Lehrende und Weisende den ersten Platz einnimmt, gibt es Gläubige der Rahja, Hesinde, Levthan, Peraine, Mada und auch der Tsa unter ihnen. Einige wenige Hexen sehen gar in jenen Göttinnen eine falsch verstandene Satuaria. Kaum einmal wird man jedoch unter ihnen Rondra- oder Traviaanhängerinnen finden. Und Praios, dessen Kirche Hexen in lange vergangen Tagen verfolgte, bringen sie allgemein eine aus tiefstem Herzen kommende Abneigung entgegen.